Seefeld in der NS-Zeit in Buchform

NS-Veranstaltung vor dem Gasthof Lamm (Auszug aus „Seefeld in der NS-Zeit„)

Mit seltener Offenheit hat nun der Gemeinderat von Seefeld sich gegen eine professionelle historische Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus ausgesprochen: zu teuer, jeder im Dorf wisse bereits alles, ein gedeihlicheres Miteinander funktioniere besser, wenn man einander endlich verzeihe. Laut Bürgermeister habe Seefeld seine Geschichte schon umfangreich aufgearbeitet.

(www.erinnern.at)

Ich durfte als relativ frischgebackener Gemeinderat an der Gemeinderatssitzung teilnehmen, auf die sich das obige Zitat bezieht. Ehrlich gesagt, hätte ich nie damit gerechnet, dass und mit welchen Argumenten eine Studie zum Thema „Seefeld in der NS-Zeit“ abgelehnt würde. Ich gebe es gerne zu: So enttäuscht und zornig habe ich selten eine Gemeinderatssitzung verlassen.

erinnern.at schreibt weiter:

Der Gemeinderat von Seefeld sieht keinen Sinn darin, sich mit der NS-Zeit zu beschäftigen

Nun, der Gemeinderat sah damals vielleicht keinen Sinn darin – einige Seefelderinnen und Seefelder aber sehr wohl!

Denn was nun passierte, ist vermutlich einzigartig in der Gescichte Seefelds. Es traten Personen aus Seefeld an mich heran und erboten sich, für die Erstellung dieser Studie zu spenden. Denn – Zitat – „es kann nicht sein, dass die Gemeinde sich hier drückt“. Und binnen kürzester Zeit waren die 35.000 Euro beisammen, die für die Ausarbeitung nötig waren.

Nun machte sich die Zeithistorikerin Sabine Pitscheider an die Arbeit. Und nach knapp zwei Jahren waren die Recherchen abgeschlossen und ein druckfertiges Manuskript lag vor.

Buch „Seefeld in Tirol in der NS-Zeit“ nun erhältlich

Allen näher Beteiligten war klar, dass das Manuskript nicht in irgendeiner Schublade landen, sondern Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollte. Ein Buch musste her, wurde beschlossen. Und dieses liegt nun vor.

  • 344 Seiten ist es stark
  • es umfasst sowohl die Zeit vor dem sogenannten Anschluss, die NS-Zeit selbst und die Zeit nach Kriegsende bis in die 1950er
  • es beleuchtet Politik und gesellschaftliches Leben
  • es beleuchtet, wie der Nationalsozialismus so schnell und umfassend in Seefeld Fuß fassen konnte

Hier ein paar Auszüge aus dem Inhaltsverzeichnis:

  • Seefeld1932 bis März 1938
    • Die „Fremdenindustrie“
    • Der Aufstieg der NSDAP 1932
    • Der wirtschaftliche Niedergang Seefelds 1933
    • 1000-Mark-Sperre
  • Seefeld 1938 bis 1945
    • Der“Anschluss“
    • NS-Organisationen
    • „Arisierungen“ in Seefeld
    • Die Entwicklung von Seefeld 1938 – 1945
    • Seefeld im Krieg
    • Der Luftkrieg am Plateau
    • Der Todesmarsch
    • Kriegsende und Befreiung
  • Seefeld nach 1945
    • Demokratisierung der Gemeindepolitik
    • Umgang mit den NationalsozialistInnen
    • Hochverratsprozesse
    • Rückstellung arisierten Eigentums
Das Buch „Seefeld in Tirol in der NS-Zeit“ widmet sich dem Thema aus verschiedensten Blickwinkeln.

Hier der Verlags-Text zum Buch

Die kleine Gemeinde Seefeld in Tirol entwickelte sich ab Mitte der 1930er Jahre zu einem der Zentren illegaler nationalsozialistischer Aktivitäten in Tirol. Die nahe Grenze zum Deutschen Reich, das mit der 1.000-Mark-Sperre Österreich wirtschaftlich enorm schadete, begünstigte die lokalen NS-Organisationen, die ab 1932 zu einer ernsthaften Konkurrenz auf dem politischen Feld aufstiegen und nach dem Verbot das Plateau mit Terror überzogen. Den „Anschluss“ begrüßte die Gemeinde mit einer hundertprozentigen Zustimmung. In den Jahren 1938 bis 1945 beherrschte das NS-Regime jeden Bereich des Lebens, verfolgte Andersdenkende, „arisierte“ Eigentum, beschränkte die Macht der katholischen Kirche und nutzte den touristischen Ruf Seefelds.

Politisch blieb die Gemeinde zerstritten; vier Bürgermeister und sechs Ortsgruppenleiter scheiterten an Seefelds Problemen, den Schulden, der verrotteten Infrastruktur und der Wohnungsnot. Ab 1943 besetzten Schulen aus dem bombenbedrohten Deutschen Reich und Innsbruck, Lazarette, Kliniken und Umquartierte die Betten in den Tourismusbetrieben. Ende April 1945 endete der Todesmarsch von Dachauer KZ-Häftlingen auf dem Plateau, das die US-Armee Anfang Mai 1945 befreite. Lange Zeit dominierte der Prozess der nur unzureichend durchgeführten Entnazifizierung; Verhaftungen, Anzeigen, Lügen und Ausreden begleiteten die Verfahren.

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