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Was ist dran an “Wir leben doch alle vom Tourismus”?

“Wir leben doch alle vom Tourismus!” Regelmäßig wird diese Behauptung vorgebracht, wenn es gilt, eine Maßnahme zu rechtfertigen, welche (angeblich) im Interesse des Tourimus ist. Doch was ist dran an diesem Argument? (von Albert Bloch)

Egal, ob es um den Neubau eines Liftes, den Zusammenschluss eines Skigebietes, die Erweiterung eines Hotels oder den Bau eines Teiches für eine Beschneiungsanlage geht – sobald sich jemand kritisch zu so einem Thema äußert, wird eroder sie früher oder später mit dem Argument konfrontiert, dass wir doch schließlich alle vom Tourismus leben. Und was gut für den Tourismus sei, nütze schießlich allen – Kritik sei daher unangemessen.

Kein Wunder, dass auch der Seefelder Bürgermeister Werner Frießer kürzlich in einem Interview mit dem Wirtschaftsblatt sinngemäß erklärte, die Bevölkerung Seefelds stünde voll hinter der Austragung der nordischen Ski-WM 2019. Denn schließlich “leben am Ort alle vom Tourismus”.

Möglich, dass er das in der Eile nur so dahingesagt hat. Aber es ist dennoch bezeichnend, dass dieses Argument immer wieder vorgebracht wird. Grund genug, es einmal genauer zu durchleuchten.

Paradebeispiel eines Totschlagarguments

Die Phrase “Wir leben doch alle vom Tourismus” wird vor allem dann eingesetzt, wenn Tourismus-KritikerInnen diskreditiert oder mundtot gemacht werden sollen. Folgerichtig führen hauptsächlich unbedingte Tourismus-BefürworterInnen diesen Satz im Mund.

Schaut man sich das Wir-leben-alle-vom Tourismus einmal näher an, fällt auf, dass es alle Merkmale einer sogenannten Killerphrase bzw. eines Totschlagarguments aufweist. Laut Wikipedia definiert sich dieses so:

Totschlagargumente sind inhaltlich nahezu leere Argumente, also Scheinargumente, bloße Behauptungen oder Vorurteile, von denen der Disputant annimmt, dass die Mehrheit der Diskussionsteilnehmer entweder mit ihm in der Bewertung übereinstimmt oder keinen Widerspruch wagt, da dies in der öffentlichen Meinung auf Ablehnung stößt.

Die Funktion diese Phrase ist somit klar. Ihr Zweck liegt darin, touristische Profitinteressen zu verteidigen, KritikerInnen lächerlich zu machen und die negativen Seiten des Tourismus zu kaschieren.

Nicht alle leben vom Tourismus

Wer jedoch behauptet, dass wir alle vom Tourismus lebten, übersieht dabei eines: Das stimmt ganz einfach nicht – nicht einmal für die Tourismushochburg Seefeld.

Als plakative Beispiele fallen mir auf die Schnelle die Berufe BürgermeisterIn, Pfarrer, TotengräberIn, LehrerIn, LandwirtIn ein. Und selbst für die Berufsgruppen, die scheinbar hauptsächlich vom Tourimus leben, wie Hoteliers, Wirte, Skilehrer etc., muss man sagen, dass es diese auch ohne bzw. mit weniger Tourismus geben würde. Vielleicht in weniger großer Zahl und mit weniger Einkommen, aber geben würde es sie.

“Okay”, wenden die unbedingten Tourismus-BefürworterInnen nun oft ein, “möglicherweise leben nicht alle vom Tourismus, aber davon profitieren tun wir alle.”

Wirklich? Nun, das kommt darauf an, wie man profitieren definiert. Unbestreitbar ermöglichte es der Tourismus, viel Geld in die Infrastruktur des Landes zu stecken. Die Katze beißt sich allerdings in den Schwanz, wenn man bedenkt, dass ein Großteil dieser Infrastruktur ohne Tourismus gar nicht nötig wäre.

Welchen Tourismus wollen wir?

Mir geht es nicht darum, den Tourismus als solchen zu verteufeln. Denn es stimmt ganz sicherlich, dass er einen großen Wohlstand in unser Land gebracht hat. Das Argument “Wir leben alle vom Tourismus”, das sollte nun klar geworden sein, stimmt jedoch auch nicht.

Wer sich ein bisschen mit den aktuellen Wirtschaftswissenschaften und -bewegungen beschäftigt, stellt fest, dass die Zeit des ständigen Wirtschaftswachstums dem Ende zugeht. Bedingungslose, unhinterfragte Investitionen in den Tourismus machen heute daher keinen Sinn mehr.

Wir alle stehen vor der großen Herausforderung, uns die Frage zu stellen, welchen Tourismus wir uns für die Zukunft wünschen, welchen Umfang dieser haben soll und was wir bereit sind, dafür an Umwelt zu opfern.